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Cybermobbing erkennen und handeln

Mobbing im Internet wird leider viel zu oft unterschätzt, kann aber zu einer ernsten Belastung werden. Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Schahin Aliani schildert, worauf Sie achten sollten.

Cybermobbing erkennen und handeln

Das Thema Cybermobbing wird leider viel zu oft verharmlost, obwohl immer mehr Kinder und Jugendliche davon betroffen sind. Die Folgen sind teilweise drastisch, bis hin zum Selbstmord. Man geht davon aus, dass mindestens ein Viertel aller Schüler schon einmal Opfer von Cybermobbing-Attacken waren. Kinder- und Jugendarzt Dr. med. Schahin Aliani erzählt Ihnen, worauf Sie achten sollten.

Was versteht man unter Cybermobbing?

Das Wort Mobbing stammt von dem Englischen to mob, was belästigen oder anpöbeln bedeutet. Unter Mobbing versteht man ganz allgemein ungerechtfertigte, aggressive Handlungen einer oder mehrerer Personen gegenüber einer anderen mit dem Ziel, diese zu verletzen oder zu bedrohen. Findet dies mithilfe digitaler Medien statt, so spricht man von Cybermobbing. Soziale Medien wie Facebook oder Instant-Messaging-Dienste, wie zum Beispiel Snapchat, bieten hier entsprechende Plattformen.

Es gibt zahlreiche Varianten des Cybermobbing: cyber harassment (Belästigung), cyber hacking (Datenmissbrauch), cyber stalking, sexting (Versenden von Nachrichten mit eindeutigen Angeboten). Eine große Rolle spielt auch revenge pornography, das ist das Weiterleiten von Nacktfotos und Videos, die jemand vertraulich erhalten hat. Hiervon sind vor allem Mädchen betroffen und werden nicht selten mit solchen Fotos oder Videos erpresst.

Beim Mobbing spielen fünf Personengruppen eine wichtige Rolle: Angreifer (bullies), Angegriffene (victims), Angegriffene, die zu Angreifern werden (bully-victims), Unterstützer (bystander) und die schweigende Mehrheit.

Mobbing und Cybermobbing weisen typische Charakteristiken auf. So besteht immer ein Kräfteungleichgewicht, das Opfer ist alleine und sieht sich einer Zahl von Angreifern gegenüber. Die Angriffe erfolgen mindestens einmal pro Woche und das über viele Wochen und Monate, eine Konfliktlösung aus eigener Kraft ist nicht möglich. Besonders perfide ist die feige Anonymität und die Erreichbarkeit eines größeren Publikums beim Cybermobbing. Dies führt zum Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die zunehmende Abhängigkeit Jugendlicher von sozialen Medien verschärft das Problem Cybermobbing. Dennoch ist Mobbing als solches in Deutschland keine strafbare Handlung, anders als in Österreich, Schweden, Frankreich und Spanien.

Kinder- und Jugendärzte sind häufig die ersten Anlaufstationen für Probleme, die durch Cybermobbing verursacht werden. Insofern haben Kinder- und Jugendärzte (neben anderen Berufsgruppen) besonders viele Kenntnisse und Erfahrungen über dieses neue Phänomen erworben. Oft stellen Eltern ihre Kinder mit diffusen, wechselnden Symptomen vor. Dies sind zum Beispiel häufige Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit und Unwohlsein, ohne dass eine körperliche Ursache dafür vorliegt. Auch seelische Probleme wie Traurigkeit, Schulunlust, übertriebene Ängstlichkeit oder sogar Aggressivität gegenüber Familienmitgliedern sind Beschwerden, deren Ursache im Cybermobbing liegen können. Die Kunst ist es, Cybermobbing als eigentliche Ursache zu erkennen und nicht an körperlichen Symptomen zu arbeiten, die nicht ursächlich für das Problem sind. Hier gilt es auch Überzeugungsarbeit bei den Eltern zu leisten. Oft fordern diese nämlich weitere, teilweise auch invasive Untersuchungen, um endlich eine körperliche Ursache zu finden.

Ursachen und Folgen des Mobbings

Über die Folgen des Mobbings für die Angegriffenen ist sehr viel publiziert worden. Um das Phänomen richtig zu verstehen, muss man auch die Ursachen sehen, die ein Kind oder einen Jugendlichen zu einem Täter machen. In erster Linie sind hier Schulschwierigkeiten zu nennen, weiterhin Verhaltensauffälligkeiten sowie Probleme der Eltern-Kind-Beziehung. Es scheint sich zu bestätigen, dass Angreifer, die eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung aufweisen, häufig aus Familien mit überprotektiven Eltern beziehungsweise Müttern kommen. Diesen Kindern wird alles „abgenommen“, somit erwerben sie auch deutlich weniger Frustrationstoleranz, das heißt sie lernen nicht, mit Frust altersentsprechend umzugehen. Solche Kinder entwickeln sich nicht richtig, sondern bleiben im Rahmen ihrer Frustrationsverarbeitung auf Kleinkindniveau.

Dass Mobbing beim Angegriffenen zu langfristigen Folgen führen kann, liegt auf der Hand. Sie leiden zum Beispiel unter Depressionen, sozialen Angststörungen, Schulverweigerung, Leistungs- und Schlafproblemen, selbstverletzenden Handlungen und Selbstmordneigungen. Weniger bekannt ist, dass auch die Täter mit Langzeitfolgen rechnen müssen. Studien belegen, dass Mobbing-Täter ein sehr hohes Risiko haben, auf die schiefe Bahn zu geraten und in die Kriminalität abzurutschen. Insbesondere Gewalt- und Drogendelikte werden hier genannt. Sehr häufig leiden die Angreifer unter Zornanfällen, Gewalttätigkeit, Rachegefühlen und hohem Online-Risikoverhalten. Weitere Eigenschaften sind Empathie-Mangel und die kriminelle Verwendung künstlicher Identitäten. Wenn die Täter nicht frühzeitig bestraft werden und Ihnen ihr Fehlverhalten deutlich gemacht wird, kann dies zu einer kriminellen Abwärtsspirale führen. Diese Tatsachen sind den Eltern der meist jungen Täter fast nie bekannt. Insofern ist es wichtig, den Eltern diese Risikofaktoren klar aufzuzeigen. Da sie in der Regel nur das Beste für ihre Kinder wollen, haben Sie dann die Möglichkeit, einzugreifen.

Selbst die schweigende Mehrheit beziehungsweise die Mitläufer weisen eine hohe Stressbelastung auf, die mit der des Angegriffen oder des Angreifers vergleichbar ist. Auch sie müssen mit langfristigen Folgen für ihre Psyche rechnen.
Genau wie im schulischen Umfeld werden auch in den sozialen Medien eher Jungen als Mädchen zu Tätern, wobei sich dies altersabhängig verschiebt. Jungen sind eher im frühen Jugendlichenalter und Mädchen eher im späteren Jugendlichenalter die Täter.

Was tun? Konkrete Tipps

Erfahren Eltern davon, dass ihr Kind Angreifer ist, sollten bei ihnen alle Alarmglocken schrillen. Wie bereits erwähnt, kann dies für den Angreifer der Beginn einer Abwärtsspirale auf die schiefe Bahn bedeuten. Für die Opfer und deren Eltern gilt: wer schweigt, verliert.

Top-10-Liste zum Umgang mit Cybermobbing:

  1. darüber reden
  2. den Angreifer weitestgehend ignorieren
  3. nicht zurückschlagen
  4. öffentlich eine Beendigung fordern
  5. Humor beweisen
  6. Beweise sammeln
  7. den Angreifer in den sozialen Medien blockieren
  8. dem Internet-Provider oder den Administratoren den Angriff melden
  9. keine Nachrichten weiterleiten
  10. die Polizei verständigen

Weitere Tipps und Hilfestellungen finden Sie auf klicksafe.de, der EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz.

Wen trifft es?

Das Risiko angegriffen zu werden, steigt mit dem Ausmaß der Online-Beschäftigung. Aus dieser lapidaren Erkenntnis lässt sich eine ganz konkrete Empfehlung für Eltern ableiten: Reduzierte Online-Stunden helfen Ihrem Kind, kein Opfer zu werden.
Das Argument der Ewiggestrigen, dass früher auch gehänselt wurde, greift heute nicht mehr. Der Angreifer hat nicht wie früher auf dem Pausenhof nur ein sehr begrenztes Publikum, sondern lässt die ganze Welt an seiner Attacke teilhaben. Dies sind völlig andere Dimensionen und erfordert von den Opfern sehr viel Konsequenz und klare Gegenwehr.

Auf keinen Fall sollte man als Opfer den persönlichen Kontakt mit den Eltern der Angreifer suchen, um hier um Einsicht und Verständnis zu werben. Dies wird meist zum Misserfolg führen. Man muss umgehend höhere Instanzen, wie Internet-Provider oder Polizei informieren, gegebenenfalls auch sofort einen Anwalt einschalten, um unmissverständlich klarzumachen, dass dies kein Kavaliersdelikt ist.

Zum Schluss: Wenn Sie erfahren, dass Ihr Kind Opfer oder Täter von Cybermobbing ist, handeln Sie schnell und konsequent. Holen Sie sich professionelle Hilfe. Ansprechpartner gibt es an vielen Schulen und bei den Landesmedienanstalten.

Dr. med. Schahin Aliani ist als Kinder- und Jugendarzt in Saarlouis tätig. Zusätzlich führt er weitere Schwerpunkt- und Zusatzbezeichnungen: Kinder Onkologie/Hämatologie, Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin, sowie das Akupunktur A Diplom, psychosomatische Grundversorgung, Asthmatrainer.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Zu jedem 15. des Monats finden Sie in unserem ­mio-Online-Magazin einen aktuellen Beitrag rund ums Thema Gesundheit.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung:

Hier geht‘s zum Angebot der KV Saarland.