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So feiern wir Weihnachten

Unter deutschen Bäumen

Unter deutschen Bäumen

In Filmen herrscht an den Tagen vor Weihnachten meist ein heilloses Chaos – doch an Heiligabend sitzen alle glücklich gemeinsam um den Baum herum. Aber was passiert im echten Leben in den Wohnzimmern der Deutschen? mio durfte Mäuschen spielen und fand heraus: Ob in christlicher Tradition oder neu definiert – das Fest ist geprägt von besonderen Erinnerungen und ganz unterschiedlichen Alle-Jahre wieder-Ritualen.

Weihnachten gehört oft zu unseren schönsten Kindheitserinnerungen. mio-Redakteurin Rebekka schwelgt mit uns in vergangenen Feiertagen.

Weihnachten, irgendwann in den 90ern. Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie mein Bruder und ich uns nach der Bescherung im Badezimmer zur Krisenbesprechung trafen. Wir waren vielleicht elf und zwölf, unser größter Wunsch: Ein Sega Mega Drive, eine Spielkonsole zum Anschließen an den Fernseher. Schon lange vor Heiligabend hatten wir ein großes Paket hinter dem Schlafzimmer-Kleiderschrank entdeckt und ungeduldig hineingespäht. Doch drin war etwas anderes. Wie in einer aufgebrachten Bürgerversammlung taten wir im verschlossenen Badezimmer unsere Enttäuschung kund und schlossen einen Pakt: Denn es gab noch die Hoffnung, das Geschenk von unserem getrennt lebenden Vater am ersten Weihnachtstag zu bekommen. Sollte die Konsole aber am darauffolgenden Tag nicht unterm Weihnachtsbaum bei unserem Vater liegen, würden wir unser ganzes Erspartes nehmen und sie uns kaufen.

Der nächste Weihnachtsabend kam. Und mit dem Geschenkeauspacken Bücher, Wärmflaschen und eine Entschuldigung unseres Vaters, weil die Präsente in diesem Jahr etwas dürftig ausgefallen seien. „Kein Problem, Papa“, sagten wir verständnisvoll. Gedacht haben wir wohl beide etwas anderes. Später am Abend entdeckte ich ein noch verpacktes Geschenk, versteckt unter einem Tuch des Weihnachtsbaum-Tisches. „Das habe ich vergessen, meiner Frau zu überreichen“, sagte mein Vater. „Pack es ruhig gemeinsam mit deinem Bruder aus!“ Sie ahnen es sicher: Unter dem Papier kam die heiß ersehnte Spielkonsole zum Vorschein. Wir fielen unserem Vater um den Hals. Ich hätte beinahe geweint vor Glück. Gerade unsere Kindheitserinnerungen sind wohl die stärksten, wenn es um das Fest aller Feste geht. Die vielen Lichter, die bunten Präsente, der Duft von Plätzchen und die festliche Stimmung in den Wohnzimmern machen das besondere Gefühl an Heiligabend und den Feiertagen aus. Die große Freude über ein Geschenk, ein tolles Essen, ein gemeinsam angeschauter Film oder bestimmte Dinge, die man nur an den Festtagen erlaubt bekam, prägen sich ebenso ein wie Enttäuschungen oder Streitereien.

Und ebenso, wie wohl jeder eine bestimmte Weihnachtserinnerung zum Besten geben kann, so kann auch der Großteil von ganz bestimmten Familientraditionen, Abläufen und Alle-Jahre-wieder-Erlebnissen berichten. Der Großteil der Deutschen ist sich dabei einig: Laut einer Umfrage von 2019 gehören für die meisten Befragten Kerzen, Tannenbaum, Plätzchenbacken und Geschenkekaufen dazu. Jeder Zweite stellt sich einen echten Tannenbaum ins Haus, auf der Hitliste der guten Gaben rangieren auf den Toprängen Geld, Events, Bücher und Kosmetikprodukte. Und „Last Christmas“ von Wham! gehört gleichermaßen zu den beliebtesten wie zu den nervigsten Weihnachtsliedern.

Aber werden die Geschenke eigentlich vom Christkind oder dem Weihnachtsmann gebracht? Kommen bei den Deutschen üppige Menüs oder Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch? Und war früher wirklich mehr Lametta? Finden Sie’s raus! Lesen Sie, wie das ganz persönliche Fest dreier Menschen im Alter von 36 bis 86 Jahren aussieht und welche interessanten Fakten es zu den Feiertagen gibt. Vielleicht können wir Sie animieren, in diesem Jahr Ihren Liebsten beim gemütlichen Beisammensitzen von einer Weihnachtserinnerung zu erzählen, die Sie besonders geprägt hat. Wie auch immer Sie Weihnachten verbringen – wir wünschen „Frohes Fest“!

DREI MENSCHEN, DREI FESTE


Das für viele Deutsche wichtigste Fest im Jahr wird wie kaum ein anderes mit unzähligen Traditionen zelebriert. Doch sind geschmückte Bäume, Weihnachtslieder und Würstchen mit Kartoffelsalat immer noch angesagt? mio hat drei Menschen unterschiedlicher Generationen nach ihren persönlichen Brauchtümern gefragt.

Was in Deutschland das Christkind ist, ist in Schweden der Tomte, der die Geschenke an die Kinder verteilt“, erklärt die 36-jährige Frankfurterin Lina Gemmerich. Als Kind schwedischer Eltern ist sie in Deutschland aufgewachsen, hat aber Weihnachten immer schon auf die schwedische Art zelebriert. „Das Wichtigste an Weihnachten ist, dass man zusammenkommt, viel Zeit miteinander verbringt und wahnsinnig viel isst.“ Kein Wunder, dass man sich schon ab 16 Uhr über das üppige – erst kalte, dann warme – Buffet hermacht: Denn neben eingelegtem Hering brauchen Weihnachtsschinken, gebeizter Lachs, kleine Würstchen, Köttbullar (Hackbällchen), Braunkohl, Kartoffeln, Käse und Knäckebrot viel Schlemm-Zeit. Dazu gibt es Glögg (schwedischen Glühwein), Weihnachtsbier, das aus hellem und dunklem zusammengemischt wird, und den Kümmelschnaps Aquavit. Und als Dessert Milchreis! „Bei meinen Schwiegereltern gibt es jedes Jahr die leicht veränderte Variante von Würstchen mit Kartoffelsalat, nämlich mit Frikadellen. Das wäre in Schweden eine Katastrophe!“ Ebenfalls anders sind die kleinen Rituale am Festtag: „Bei meinem Mann war es immer so, dass ein Zimmer verschlossen war, dann klingelte plötzlich ein Glöckchen und das Christkind hatte alle Geschenke unter den Baum gelegt und war verschwunden. Bei uns kam immer der Tomte vorbei – meist der verkleidete Nachbar, damit wir ihn nicht erkennen – und verteilte die Geschenke aus einem großen Sack.“ Besonders spannend bei Lina und ihrem Mann: Seit fast anderthalb Jahren haben sie Zwillinge und möchten die schönen Traditionen, die sie als Kind geliebt haben, an die Kleinen weitergeben. „Wir werden dann beides kombinieren“, sagt Lina. „Vielleicht klingelt das Glöckchen, die Geschenke hat aber der Tomte gebracht.“ Auf keinen Fall verzichten will sie aber auf das gute schwedische Essen. Ebenso wichtig sind ihr das gemeinsame Fernsehen – man schaut sich den Weihnachtstrickfilm „In jultomtens verkstad“ an –, das Feiern mit der ganzenFamilie und der Weihnachtsmost Julmust, eine Art Kindercola, die es nur an den Feiertagen gibt. „Der muss dann von meinen Eltern aus Schweden mitgebracht werden. Aber für uns als Kinder war dieses Getränk so ein Highlight. Das soll nicht fehlen!“

Lina Gemmerich, 36

Nikolaus feiern die Schweden übrigens gar nicht. Stattdessen zelebrieren sie das Fest Santa Lucia am 13. Dezember. Die heilige Schutzpatronin soll mit vielen Kerzen, weißen Gewändern und gemeinsamem Gesang Licht in die dunkle Jahreszeit bringen.

Konventionen sind für Tobias Duckhorn aus Hofheim am Taunus nicht unbedingt das, was seinen Alltag bestimmt. An Weihnachten aber sieht es anders aus. „Wir feiern ganz klassisch mit meinen Eltern, meiner Schwester, unseren Kindern und Enkelkindern. Und das Witzige daran ist, dass es vor allem die Kinder sind, die darauf bestehen, dass alles nach festen Ritualen und ja nicht anders vonstattengeht – am besten noch mit dem klingelnden Glöckchen und dem Glauben, dass das Christkind die Geschenke gebracht hat.“ Dabei sind die Kinder im Alter von 16 bis 30 Jahren schon lange keine Kinder mehr. „Und meine Enkelin mit neun Jahren macht zu anderen Anlässen, wie Geburtstagen und Co., nach Herzenslust eigene Geschenke. Aber an Weihnachten tut sie ganz unwissend – da will sie es irgendwie glauben, dass die Pakete das Christkind gebracht hat“, erzählt der 50-Jährige und lacht. Und doch gibt es auch etwas Unorthodoxes an seinen Festtagen. „Weihnachten ist, wenn wir sagen, dass Weihnachten ist.“ Meistens feiert die Familie ein paar Tage vorher. Der einfache Grund: „Wir hatten keine Lust mehr auf diesen Stress an den Feiertagen. Alle rotieren, damit alles auf den Punkt genau fertig wird, und gerade in geschiedenen Ehen herrscht an den Weihnachtstagen für die Kinder der Druck, bei allen Familienmitgliedern zu Besuch vorbeizukommen.“ So findet Heiligabend bei der Familie einfach an einem flexibel ausgesuchten Tag statt. „Dafür aber mit Baum, Geschenken, Bescherung, gutem Essen und all dem Brimbamborium, das dazugehört.“ Das Menü wird immer so geregelt, dass jeder etwas Leckeres mitbringt. Bei wem gefeiert wird, wird reihum abgewechselt. Die Bescherung kann bei der 18-köpfigen Gruppe gut und gerne drei Stunden dauern. Denn die Pakete müssen eins nach dem anderen ausgepackt werden, während die anderen zusehen und die Präsente bejubeln können. „Auf die Art hat dann jeder am 24. Dezember frei, kann entspannt feiern und entscheiden, wen er an dem Abend besuchen will.“ Oft ist der dreifache Vater am späten Heiligabend noch in die nahe gelegene Kreisstadt gefahren, wo alljährlich eine Party mit Musik, Tanz und all den Weihnachts-Heimkehrern stattfand. „Seitdem ich auf der Party aber meine eigenen Kinder getroffen hab, lass ich das bleiben.“

Tobias Duckhorn, 50

Gisela Nyman ist eine Rentnerin, die immer auf Achse ist. Ihr ganzes Leben lang ist sie herumgereist, hat als Rollschuhartistin waghalsige Kunststücke präsentiert, als Akrobatin mit Schlangen und Elefanten performt und als Musikerin im Orchester und als Solokünstlerin Freude beschert. Kurzum: Die 86-Jährige ist eine Unterhalterin durch und durch. Also heißt es auch an Weihnachten immer: „Gisela, du musst aber dein Akkordeon mitbringen!“ Das macht die Frohnatur mit Vergnügen. Die Familie versammelt sich im Sitzkreis vorm festlich geschmückten Weihnachtsbaum, lauscht, klatscht und singt mit, während Gisela in ihrem Element ist. „Ich finde das immer toll. Es macht großen Spaß und ist ein perfektes Ambiente.“ Doch nicht nur die Oma zeigt an Heiligabend ihre Talente – „jeder muss etwas vortragen, sei es eine Geschichte, ein Gedicht oder etwas anderes“. Schon seit einigen Jahren feiert die aus Leipzig stammende Künstlerin Weihnachten bei ihrer ehemaligen Schwiegertochter in Heusenstamm im Verwandtenkreis mit rund zehn Personen. Zu der Ex-Frau ihres zweiten Sohnes hat sie über die Jahre guten Kontakt gehalten und genießt es, dort auch einen ihrer Lieblingsenkel zu treffen. „Mein ganzes Leben bin ich durch Deutschland und Europa getourt, aber an Heiligabend liebe ich es, an einem Ort zu sein und da unsere Rituale zu zelebrieren.“ Dazu gehört ihre kleine Showeinlage mit Akkordeon genauso wie die hübsche Dekoration, für die ihre Schwiegertochter sich viel Mühe gibt, das leckere Drei-Gänge-Menü mit Gänsebraten und dass zur Bescherung der jüngste Verwandte die Geschenke verteilt. Außerdem wichtig für Gisela: „Ich war schon immer ein Modepüppchen und ziehe mich zum Fest schick an.“ Ebenso dürfen ihre berühmten Rumkugeln nicht fehlen. „Die liebt meine Schwiegertochter besonders. In einem Jahr habe ich 570 davon hergestellt und verschenkt.“ Und auch wenn Gisela keine akrobatischen Kunststücke mehr vorführt – allein mit den Geschichten aus ihrem bewegten Leben kann sie immer noch unterhalten, als würde sie wie damals auf der Bühne stehen.

Gisela Nyman, 86

Wussten Sie schon, dass...

  • … erst um das Jahr 1800 die Mode einsetzte, sich einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer zu holen, und er früher kopfüber von der Decke hing?
  • … einer der beliebtesten Weihnachtswünsche besonders unkreativ ist? Er lautet nämlich Geld.
  • … in der biblischen Weihnachtsgeschichte gar nicht steht, dass Jesus in einem Stall geboren wurde? Dass Gottes Sohn zwischen Ochs und Esel zur Welt kam, schloss man allein daraus, dass er in eine Futterkrippe gelegt wurde.
  • … das nervigste Weihnachtslied in einer Umfrage 2019 „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski war?
  • … das Christkind von Martin Luther erfunden wurde?
  • … Kerzen für die meisten Menschen früher viel zu teuer waren?
  • … die Deutschen laut einer Umfrage im Schnitt stolze 453 Euro für Geschenke investieren? Männer geben dabei mit 523 Euro deutlich mehr aus als Frauen mit 386 Euro.
  • … früher wirklich mehr Lametta war – wie der berühmte Loriot-Sketch lautet? Lametta wurde seit ungefähr 1800 als Symbol für Engelshaar zum Schmücken benutzt. Mittlerweile ist es aus der Mode gekommen und zudem ist es auch nicht gerade umweltfreundlich.
  • … laut einer Umfrage von 2019 Frauen an Weihnachten am meisten das Saubermachen nervt, während es bei den Männern das Geschenkekaufen ist?
  • … ein moderner Dresdner Stollen auf den Mehlanteil bezogen mindestens 50 Prozent Butter enthält?
  • … der Song „Last Christmas“ von Wham! angeblich ursprünglich „Last Easter“ hieß?
  • Bescheiden, aber beliebt: Umfragen zufolge liegen Würstchen und Kartoffelsalat auf Platz eins der deutschen Weihnachtsessen. Es soll an die Armut Jesu erinnern, geht aber auch auf eine frühere Fastenzeit zurück, die am ersten Weihnachtsfeiertag endete.

  • Wie viele Deutsche beim Weihnachtsfest Christi Geburt im ursprünglichen Sinne feiern, ist unklar. In Befragungen geben rund 20 Prozent an, an den Feiertagen in die Kirche zu gehen.