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Die Kraft der Kälte

Was wir von Iceman Wim Hof lernen können

Die Kraft der Kälte

Zahlreiche Sportler und „Iceman“ Wim Hof machen es vor: Kälte kann ungeahnte Kräfte in uns wecken. Doch wie gelingt es, den Kältereiz auszuhalten und sogar als etwas Positives wahrzunehmen? Unsere Autorin berichtet von ihrem ersten Eisbad im See und verrät, warum sich kaltes Duschen lohnt.

Wenn es kalt ist, frieren und zittern wir – so kennen wir es. Um das unangenehme Gefühl zu vermeiden, packen wir uns dick ein, duschen warm und gehen bei Minusgraden nur widerwillig vor die Tür. Das schützt uns einerseits vor dem Frieren, macht uns aber andererseits noch empfindlicher für Kälte: Als Folge frieren wir irgendwann immer schneller. Doch Kälte ist besser für unseren Körper, als wir denken. Sie soll vor Infekten schützen, bei chronischen Gelenkentzündungen helfen und die Durchblutung verbessern. Zudem soll das Immunsystem verstärkt aktiviert werden und damit die Anzahl der weißen Blutkörperchen zunehmen, die eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern spielen. Ein weiterer Punkt: Kälte kann das mentale Wohlbefinden steigern. Viele berichten von einem euphorischen Glücksgefühl, das sich beim kalten Duschen oder Eisbaden einstellt. Grund dafür sind die Glückshormone, die der Körper währenddessen und danach ausschüttet. Zudem stärkt es Psyche und Selbstwert, wenn wir Herausforderungen wie diese meistern.

In der Medizin wird die Kälte- oder Kryotherapie vor allem zur unterstützenden Behandlung von chronisch-entzündlichen oder rheumatischen Erkrankungen angewendet. Zum einen bewirkt der Kälteschock, dass sich die Blutgefäße erst zusammenziehen und anschließend stärker durchblutet werden. Zum anderen sollen dadurch Schmerzen gelindert, Entzündungen gehemmt und teilweise sogar Medikamente reduziert werden können. Spitzensportler nutzen Kälte für eine schnellere Regeneration und Leistungssteigerung: In Kältekammern setzen sie sich für rund drei Minuten Temperaturen von bis zu –150 °C aus.

Fragen Sie sich gerade, wie man solche heftigen Temperaturen aushalten soll? Es ist eine Sache der Übung, der Technik und des Mindsets. Zunächst reagiert der Körper auf einen Kältereiz mit schnellerer Atmung und sich zusammenziehenden Blutgefäße. Unser Gehirn erhält das Signal: Weg hier und ab ins Warme! Wie wir diesem Impuls begegnen können, erfahren Sie in den nächsten Abschnitten. Wer es richtig angeht, wird merken: Kältetraining bewirkt nicht, dass wir dauerhaft frieren, sondern dass der Körper Wärme produziert und wir uns selbst im Kalten wohlfühlen können.

Was wir vom Iceman lernen können

Welcher Mensch setzt sich für eineinhalb Stunden in einen Bottich voller Eis, schwimmt mehrere hundert Meter unter Eis oder läuft bei –16 °C in Sandalen einen Marathon? Die Rede ist von Wim Hof, dem „Iceman“. Auf den ersten Blick scheint der Niederländer für viele wie ein leichtsinniger Extremsportler, der Rekorde auf Kosten seiner Gesundheit aufstellt. Doch der Autor und Trainer beweist durch seine einzigartigen Mutproben, wozu der menschliche Körper mit der richtigen Technik, einem starken Willen und dem passenden Training in der Lage ist – nämlich die Kälte als Kraftquelle zu nutzen, um gesünder, stärker und leistungsfähiger durchs Leben zu gehen. Die extremen Formen der Kältepraxis sind natürlich keinesfalls für Einsteiger geeignet – aber kalt duschen kann jeder lernen.

„Gute Atmung ist Lebenskraft. Und der Rest ist Mindset.“ Wim Hof

Atmen gegen die Kälte

Wim Hof nutzt eine spezielle Atem- und Konzentrationstechnik, die aus drei Säulen besteht: Atemübungen, Kältetraining und Willensstärke. Er ist damit so erfolgreich, dass er sogar bei Minusgraden seine Körpertemperatur konstant halten kann. Dass es ihm tatsächlich gelingt, sein autonomes Nervensystem zu kontrollieren, hat er in Studien bewiesen – und er ist überzeugt, dass das auch andere Menschen erreichen können. Kritiker bemängeln, dass es an ausreichenden wissenschaftlichen Belegen für die Wirksamkeit der Wim-Hof-Methode fehlt: Bisher wurden nur kleinere Studien mit wenigen Probanden durchgeführt. Für seine Fans und die, die es selbst ausprobiert haben, steht die Wirkung jedoch außer Frage. In unzähligen Trainingseinheiten weltweit hat Wim Hof sein Wissen bereits vermittelt und bildet Coaches aus, die wiederum Interessierte schulen. Auch in seinen Büchern dreht sich alles um die positiven Effekte von Kälte und wie es gelingt, sich diese zunutze zu machen.

Unser Tipp: Wer in ein Onlinetraining hineinschnuppern möchte, findet hier einen kostenlosen Mini-Kurs.

So gewöhnen Sie sich ans kalte Duschen

  1. Duschen Sie zuerst warm wie gewohnt
  2. Beginnen Sie damit, ruhig ein- und noch langsamer auszuatmen
  3. Konzentrieren Sie sich auf Ihren ruhigen, bewussten Atem
  4. Drehen Sie das Wasser kälter und atmen Sie ruhig und kraftvoll weiter
  5. Beenden Sie das Duschen nach ein paar Sekunden

Ein ruhiger, kraftvoller, konzentrierter Atem ist der Schlüssel – irgendwann gelingt es, ein bis zwei Minuten kalt zu duschen. Gewöhnen Sie sich gegebenenfalls schrittweise an die Kälte, indem Sie nicht sofort komplett auf eiskalt drehen, sondern eventuell erst Beine und Arme abduschen. Nach und nach können Sie sich mit dem ganzen Körper
unter den Wasserstrahl stellen.

Übrigens:
Gerade im Winter ein positiver Nebeneffekt: Wer kalt duscht und dadurch die körpereigene „Heizung“ aktiviert, friert danach beim Abtrocknen nicht.

Eisbaden im Schnee – ein Erfahrungsbericht


Unsere Autorin hat sich ins eiskalte Wasser getraut – und hat seitdem neben der Weihnachtszeit endlich einen weiteren Grund, sich auf den Winter zu freuen.

„Kälte ist eigentlich gar nicht meins. Ich mag den Winter nicht, fahre nicht in Skiurlaub, dusche nicht kalt und überhaupt: Ich hasse frieren! Umso verrückter ist das, was ich im letzten Winter getan habe: Ich war Eisbaden. Die Fitnessstudios waren zu, auf Fitnessübungen vor dem Fernseher hatte ich keine Lust. Ich fuhr stattdessen mit meinem Mann an einen nahegelegenen See, um dort Sport zu treiben. Ausgerüstet mit Handschuhen, Mütze und mehreren Schichten Funktionskleidung trotzten wir der Lufttemperatur von –7 °C. Es war sonnig und klar, Schnee glitzerte auf der Wiese, der See begann stellenweise zuzufrieren. Durch das Training wurde mir warm, ich fühlte mich selbstbewusst und stark, die Kälte machte mir fast nichts mehr aus. Mein Mann fragte mich wie schon so oft vorher, ob ich mit ihm Eisbaden wolle. Er war bereits geübt darin und redete mir immer wieder gut zu. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits ein Buch von Wim Hof gelesen, öfter kalt geduscht und ein paar Atemübungen gemacht, aber in den See hatte ich mich noch nie getraut. Erst recht nicht im tiefsten Winter! Doch heute war irgendetwas anders. Ich schaute auf den glitzernden Schnee unter mir und stellte mir vor, wie gut er sich unter meinen nackten Füßen anfühlt, wenn ich aus der Sauna komme – da macht mir die Kälte schließlich auch nichts aus. Ich atmete tief durch, schloss die Augen und wusste: Ich mach das jetzt.

Still und starr im See
Ein… aus… puuuhh… Mein Herz klopft schneller, als ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehe und mit starkem Willen und festem Schritt bis auf Brusthöhe in den See laufe. Das eisige Wasser umschließt meinen Körper. Meine Hände habe ich hinter dem Kopf verschränkt. Ich atme bewusst kraftvoll und langsam ein und aus, um dem Impuls des schnellen Atmens – einer körperlichen Reaktion auf die Kälte – zu widerstehen. Ich weiß ja: Der Trick ist, die Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen und eben nicht die Flucht aus der Kälte zu ergreifen, sondern mich ihr auszusetzen. Mein Kopf will einerseits, dass ich sofort aus dem Wasser renne, doch andererseits will ich es unbedingt schaffen. Ich will bis zur Brust im kalten See stehen, ich will das Gefühl erleben, den Kältereiz nicht mehr als unangenehm wahrzunehmen und vollständig zur Ruhe zu kommen. Ich atme weiter konzentriert und langsam ein und aus… Das eisige Wasser kribbelt und pikst wie sanfte kleine Stiche auf der Haut. Und nach ein paar Atemzügen ist es soweit: Mein Herz schlägt ruhiger, ich kann wieder ganz normal atmen, ohne in hektisches Hecheln zu verfallen – und ich friere überhaupt nicht. Mein Körper fühlt sich einfach gut an, alles kribbelt, ich fühle mich unglaublich stolz, zufrieden und still, hier in diesem See… Ich habe es geschafft! Ein Lächeln steigt in mir auf, ich schließe die Augen, genieße die Stille, verändere noch einmal meine Position im eiskalten Wasser. Mein Mann ist baff und total stolz auf mich. Nach drei, vier Minuten verlasse ich den See, stapfe mit erröteten Füßen durch den Schnee zur Bank mit meiner Kleidung. Mein ganzer Körper ist nun gut durchblutet und errötet, überall dort, wo ich im Wasser war. Er hat auf Hochtouren gegen die Kälte gearbeitet und Wärme für die lebenswichtigen Organe produziert, die Blutgefäße haben sich zusammenzogen und weiten sich nun wieder.

Als ich Socken und Schuhe anziehe, fühlen sich meine kalten Füße etwas merkwürdig an – die Extremitäten haben am wenigsten wärmende Muskulatur und Fettgewebe, sodass sie als Erstes auskühlen. Da ich mit dem Auto heimfahre, habe ich die Finger vorsichtshalber nicht ins Wasser getaucht, denn sie würden besonders schnell auskühlen und steif werden. Ich ziehe mich an, grinsend, happy, mir ist immer noch nicht kalt. Stattdessen fühle ich mich völlig euphorisiert und absolut lebendig. Was für ein großartiges Gefühl! Mein Gehirn schüttet Dopamin und Endorphine ohne Ende aus. Das war definitiv eine der intensiven Erfahrungen, die ich je gemacht habe – und ich will sie wieder erleben. Zehn Minuten nach dem Eisbad komme ich zu Hause an und gehe duschen. Mein psychisches Hochgefühl hält noch etwa eine weitere halbe Stunde an, während mein Körper nun doch noch zu zittern beginnt und ich mich warm eingepackt und mit einem Tee auf die Couch setze. Den Rest des Tages will ich lieber nicht mehr frieren – aber auf den nächsten Kältekick freue ich mich trotzdem.“

In Shorts auf den Kilimandscharo

Gemeinsam mit einer Gruppe von 26 Leuten bestieg Wim Hof 2014 den Kilimandscharo in Tansania. Es war in vielerlei Hinsicht eine riesige Herausforderung: Die Truppe wollte es in 48 Stunden statt den sonst üblichen sechs Tagen schaffen, den 5895 Meter hohen Gipfel zu erreichen. Außerdem hatte eine Handvoll Teilnehmer schwere Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Krebs – und keiner von ihnen hatte Bergsteigererfahrung. Doch Wim Hof wollte beweisen, wozu Menschen mit der richtigen körperlichen und mentalen Vorbereitung fähig sind. Also liefen sie los, bei 3 °C in kurzen Hosen und mit nicht einmal einem T-Shirt bekleidet. Sie konzentrierten sich auf die Atemübungen und das Gelernte aus den Kältetrainings. Und Wim Hof behielt Recht: Nach 48 Stunden erreichten bis auf zwei Teilnehmer alle den Gipfel, wo die Temperatur –15 °C betrug.

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Die Wim-Hof-Methode
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