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Hoch hinaus

So schön sind begrünte Wände

Hoch hinaus

Vertical Gardening verspricht Pflanzenwände wie aus dem Dschungelbuch. Wir zeigen, dass der Trend sehr viel mehr zu bieten hat als Efeu an Hausfassaden! Und im Experteninterview finden Sie Tipps für Ihre eigene vertikale Oase.

Moos und Farn am Pariser Museum Quai Branly, 900 Bäume an den Wohntürmen Bosco Verticale in Mailand – oder der eigene Kräutergarten auf Balkonien: Vertikales Gärtnern ist ein wachsender Trend, der mittlerweile auch in Deutschland angekommen ist. Zu Recht: Denn die grünen Flächen, die statt in die Breite in die Höhe gehen, bieten ästhetisch und ökologisch viele Vorteile. Sie verwandeln grauen Beton in üppiges Grün und wirken als biologische Klimaanlagen, die sogar Tieren einen schönen Lebensraum bieten. Kein Wunder, dass die Mini-Ökosysteme gerade in Städten, wo es oft an Flächen fehlt, immer häufiger aus dem Boden sprießen – oder genauer gesagt aus den Wänden.

Die berühmten Wohntürme Bosco Verticale in Mailand verwandeln grauen Beton in üppiges Grün und wirken als biologische Klimaanlagen.

Eine natürliche Klimaanlage: Platzsparend und dekorativ

Der französische Botaniker, Patrick Blanc, gilt als Pionier des Vertical Gardenings. Er hat sich mit seinen grünen Kunstwerken an Fassaden und Innenwänden weltweit einen Namen gemacht und lebt selbst in Paris in einer grünen Oase samt Wasser- und Tierwelt. Dort herrscht ein positives Klima im doppelten Sinne. Denn die als „Living Walls“ benannten Pflanzteppiche wirken sich positiv auf die Stimmung in einem Raum sowie die energetischen Eigenschaften des Hauses aus.

INTERVIEW


Im Gespräch mit Dr. Gunter Mann, Präsident des Bundesverbands GebäudeGrün (BuGG).

Was genau versteht man unter Vertical Gardening und seit wann ist der Trend in Deutschland angekommen?
Das sind die sogenannten „wandgebundenen Fassadenbegrünungen“, die auch gerne als „Living Walls“ bezeichnet werden. Die Begrünungssysteme benötigen keinen Bodenanschluss und eignen sich daher besonders für innerstädtische Bereiche. Sie zeichnen sich durch sofortige Wirksamkeit, große Gestaltungsspielräume sowie ein breites Spektrum verwendbarer Pflanzen aus. Allerdings sind sie unterm Strich deutlich teurer als bodengebundene. Doch alle Wand- und Fassadenbegrünungen haben ihren Reiz! Der Trend ist etwa vor fünf bis acht Jahren bei uns angekommen. Das heißt allerdings nicht, dass wir die „Living Walls“ jetzt überall finden. Wir haben immer noch viel zu wenige begrünte Fassaden und Wände.

Warum sollten wir mehr davon haben?
Begrünte Fassaden sehen schön aus und man fühlt sich wohl. Doch das ist nur eine der vielen positiven Wirkungen, denn sie sorgen mit ihrer Verdunstungsleistung für frische Luft und wirken urbanen Hitzeinseln entgegen. Sie kühlen das Gebäude und ihre Umgebung nicht nur durch Verdunstung, sondern bewahren es durch Schatten auch vor der großen Sommerhitze. Außerdem wird die Hauswand vor Witterungseinflüssen (Sturm, Hagel, Starkregen), UV-Strahlung und – auch wenn es sich erstmal kurios anhört – vor Graffiti geschützt. Darüber hinaus halten die Pflanzen Schall ab, binden Feinstaub und Stickoxide und bieten Kleintieren und Vögeln Lebensräume und Nistmöglichkeiten.

Was ist an der Pflanzmethode bei den „Living Walls“ so gut?
Das Schöne ist bei den wandgebundenen Fassadenbegrünungen, dass viele Pflanzen verwendet werden können, die wir aus dem ebenerdigen Garten kennen. Neben zahlreichen Stauden sind das auch einfache Gehölze, sodass wir eine recht gute Artenvielfalt zusammenstellen können. Außerdem lassen sich durch gezielte Pflanzenauswahl und -platzierung Muster und „Bilder“ an der Wand schaffen.

Welche Pflanzen bieten sich an?
Für die bodengebundene Fassadenbegrünung eignen sich viele bekannte Pflanzenarten, wie beispielsweise Wilder Wein, Efeu, Kletterhortensie, Immergrüner Kletter-Spindelstrauch, Klettertrompete (ohne zusätzliche Kletterhilfen) und Kiwi, Geißblatt, Blauregen, Waldrebe, Kletterrose, Pfeifenwinde, Weinreben (mit unterstützenden Kletterhilfen). Bei den wandgebundenen Begrünungssystemen können Geranien, Bergenien, Steinbrech, Waldsteinien, Hainsimse, Streifen- und Schildfarne, Zwergmispel, Spindelstrauch, Johanniskraut, Immergrün und viele mehr verwendet werden. Selbst Obst und Gemüse kann je nach System vertikal wachsen.

Was sollte bei der Anpflanzung beachtet werden – auch bei der Unterscheidung zwischen Außen- und Innenbegrünung?
Es sollten grundsätzlich Pflanzenarten genommen werden, die sich schon Jahre in der Praxis bewährt haben. Zudem hängt die Pflanzenauswahl stark davon ab, an welcher Wand, mit welcher Himmelsrichtung, ich meine Begrünung haben möchte. Dabei spielen dann Licht- und Temperaturverhältnisse eine wichtige Rolle. Bei Innenraumbegrünungen werden in der Regel andere Pflanzen als außen verwendet und es muss unbedingt auf eine ausreichende Beleuchtung geachtet werden. Zudem ist eine gute Isolierung zur Wand beziehungsweise Luft zwischen Pflanzen und Wand wichtig, damit Letztere nicht schimmelt.

Wie bewässert man ein vertikales Beet am besten?
Das hängt unter anderem von der Begrünungsart und Größe des Objektes ab. Bodengebundene Fassadenbegrünungen werden oft gar nicht automatisch bewässert – sie nutzen den natürlichen Niederschlag. Wandgebundene Fassadenbegrünungen dagegen haben in der Regel eine automatische Bewässerung mittels Tropfschläuchen, die im Begrünungssystem integriert sind. Grundsätzlich gilt: Je höher die Pflanzen hängen, desto höher ist ihr Wasserbedarf. Wer selbst gießt, sollte darauf achten, dass untere Pflanzenreihen nicht überwässert werden. Es ist grundsätzlich ratsam, in den unteren Reihen Gewächse anzubringen, die mit viel Wasser gut klarkommen, zum Beispiel Moose und Farne. Man sollte lieber öfter und wohldosiert gießen anstatt unregelmäßig und viel auf Vorrat.

Wann ist der ideale Pflanzzeitpunkt im Jahr?
Die am besten geeigneten Monate sind April bis Juni und September bis Anfang November. Der Frühling bietet sich natürlich an, dann haben die Pflanzen ein ganzes Vegetationsjahr zum Anwachsen. Je nach Pflanzen und System kann Begrünung sofort da sein oder erst in einigen Jahren.

Wie sieht es mit Tieren und Dreck aus?
Die Tiere sind froh, wenn sie in der Begrünung ein Zuhause finden und haben gar keinen Grund, ins Haus zu wollen. Von Bewohnern hinter begrünten Fassaden habe ich so etwas noch nie gehört. Eventuell kann durch Laubabwurf und abgestorbene Pflanzenteile ein gewisser Wartungsaufwand entstehen.

Welche Innovationen gibt es in dem Bereich?
Größere „Living Walls“ werden mit einer computergesteuerten und ferngewarteten automatischen Bewässerung mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Entweder sind dabei Bewässerungsintervalle pro Woche und Tag vorgegeben oder ein Feuchtefühler im System sendet Signale, wann bewässert werden muss.

Lassen sich alle Fassaden begrünen?
Das sollte ein Fachmann prüfen. Bei vorgehängten und hinterlüfteten Fassaden, wärmegedämmten Vorsatzfassaden, holzbekleideten Fassaden und Trapezblechwänden sind grundsätzlich nur Gerüstkletterpflanzen oder wandgebundene Systeme zu empfehlen. Die Triebe von Kletterpflanzen wachsen in Fugen und Spalten hinein und verursachen Schäden an der Fassade. Deshalb sollte vorher geprüft werden, ob der Untergrund geeignet ist.

Welche öffentlichen Förderungen gibt es?
Je nach Stadt kann es Zuschüsse bei der Begrünung von Fassaden geben. Aktuell sind ausschließlich bodengebundene Fassadenbegrünung förderfähig und dabei kann es wie beispielsweise in Köln bis zu 40 Euro pro Quadratmeter Fassadenbegrünung bei maximal 20.000 Euro pro Objekt geben. Wir empfehlen vor Begrünungsbeginn beim örtlichen Bau- oder Gartenamt nach Zuschüssen zu fragen. Infos dazu findet man auf www.gebaeudegruen.info.

Darf ich das?

Rechtliche Voraussetzungen für eine Fassadenbegrünung sind mit dem Hauseigentümer und zuständigen Bauamt zu klären. Denn es ist möglich, dass die Pflanzen in den öffentlichen Raum ragen oder das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Vor allem bei einem Neubau bietet sich die Begrünung an oder wenn die Hauswand nachträglich gedämmt werden muss.

Marke Eigenbau

Wer zu Hause gerne in die Höhe gärtnern will, kann auf zahlreiche Systeme in allen Größen und Preisklassen zurückgreifen: Von Filzteppichen über fertige Module bis hin zu Pflanzkästen mit Wand-Befestigung. Probieren Sie sich ruhig an einem vertikalen Gemüsebeet! Rankende Pflanzen, wie Bohnen, Tomaten, Paprika oder Gurken wachsen gerne an Stangen oder Gestellen empor. Aber auch Salatpflanzen eignen sich dafür. Sie können dafür schmale Pflanzenkübel übereinander an einer Wand befestigen, aufgeschnittene Rohre oder eine Europalette bepflanzen. Dafür müssen die Rückseite und die Seiten der Palette mit wasserdichter Folie, zum Beispiel Teichfolie, abgedeckt werden. Lassen Sie allerdings die unteren Ecken frei, damit überschüssiges Gießwasser ablaufen kann. Beim Bepflanzen gilt: Beachten Sie unterschiedliche Wuchsgeschwindigkeiten, denn schnell wachsende Exemplare können kleineren Pflanzen das notwendige Licht stehlen. Außerdem sollten Sie immer ein paar Setzlinge auf Vorrat haben, um Lücken aufzufüllen, wenn grüne Kameraden verwelken oder rausfallen und unschöne Lücken entstehen.

Je höher das Bedürfnis nach Licht, desto weiter oben sollte die Pflanze sitzen. Gewächse, die ähnlich viel Licht benötigen, pflanzen Sie am besten dicht nebeneinander.