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Angst in Coronazeiten

Corona löst die unterschiedlichsten Ängste in uns aus. Diplom-Psychologin Ilse Rohr erläutert die Hintergründe.

Angst in Coronazeiten

Die Gründe für Angst sind immer individuell. Doch das Gefühl kennt jeder von uns – der eine mehr, der andere weniger. Gerade Corona löst die unterschiedlichsten Ängste in uns aus. Diplom-Psychologin Ilse Rohr erläutert die Hintergründe.

Die Anlässe für Angst sind für jeden ganz verschieden: die einen haben Angst, in persönlichen Freiheiten beschnitten zu werden – die anderen haben eher Angst, Bindungen, Beziehungen zu verlieren, wenn sie eigene Wege gehen wollen. Bei dem einen mag die Einschränkung von Freiheiten ein Gefühl von auswegloser Ohnmacht auslösen, bei dem anderen führt schon allein der Gedanke an „Ausschwärmen in unbekannte Regionen und Abenteuer“ zu Angst vor Alleinsein und Verlust vertrauter Beziehungen.

Kinder müssen oft die Angst vor dem Verlust der Geborgenheit überwinden lernen, z. B. wenn sie in die Schule kommen. Das Gefühl von Zugehörigkeit zu Familie und Freunden bedeutet viel, auch für Erwachsene. Wohnortwechsel, Auslandsaufenthalt, beruflich bedingte Versetzungen an einen anderen Ort: wenn die persönliche Zukunft unberechenbar wird, löst das bei vielen Menschen Ängste aus. Andere wiederum fühlen sich gelähmt und in ihrem Leben ausgebremst, wenn Stillstand angesagt ist.

Verlangen nach Veränderung, Abenteuer – oder Angst vor Veränderung und Abenteuer. Bauen auf Gewohnheiten, Verlässlichkeiten – oder Freude an Neuem und Überraschendem: des einen Freud‘, des andern Leid.

Natürlich ist das, wovor wir Angst haben, eng mit unseren Lebenserfahrungen verbunden. Wer oft die Erfahrung gemacht hat, dass Probleme lösbar sind und ein Missgeschick keine Flut von Vorwürfen auslöst, der gerät bei auftauchenden Schwierigkeiten nicht so leicht in Panik wie jemand anderes, bei dem schon von Kindheit an jedes kleine Malheur als Katastrophe gewertet wurde und Bestrafung bis hin zu Liebesentzug zur Folge hatte.

PANIK ist eine Steigerung von Angst, die die ganze Person mit Erregung überflutet, die nicht mehr steuerbar ist, ziellose Fluchtreaktionen auslöst oder hilflos handlungsunfähig macht. Ein Mensch in Panik verliert die Kontrolle über das Geschehen und über sich selbst. Viele Menschen kennen „Panikattacken“ als Reaktion auf Situationen, die bei anderen eine gewisse Angst auslösen: enge Räume, Fliegen, über Brücken fahren, Spinnen usw.

In diesen Fällen wird die Panik ausgelöst von inneren, meist in der eigenen Entwicklung wurzelnden unguten Erfahrungen. Wenn die Angst auf bestimmte Auslöser begrenzt ist, nennt man sie Phobie (z. B. Claustrophobie, die Angst in geschlossenen beengten Räumen, oder Arachnophobia, die Spinnenphobie). Charakteristisch für die Phobie ist, dass man versucht, die Auslöser total zu vermeiden. Aber die Angst, dass das nicht immer gelingen könnte, ist ständiger Begleiter. D. h. man hat Angst vor der Angst.

Anders ist es mit Panik, die ausgelöst wird durch plötzliche Ereignisse, die Gefahr bedeuten und die wir nicht gewohnt sind: z. B. Feuer, Explosionen, Bomben. Trauma und Schock gehören auch in diese Kategorie: Wir sind unfähig, das Erleben zu verarbeiten, weil unsere Seele, unsere Sinne, unser Gefühl, unser Verstand es „nicht fassen“ kann.

Welche Ängste löst Corona in uns aus?

Dieses neue Virus vereinigt viele Angstelemente: unberechenbar, heimtückisch, unsichtbar, gefährlich, lebensbedrohlich, gesundheitsgefährdend, fremdartig und dann auch noch umstritten!

Angst als Reaktion auf Gefahr – ob bekannt oder unbekannt – ist wie ein Signal, das eine Reihe von Reaktionen auslöst, die sinnvoll und unter Umständen lebensrettend sein können: z. B. vorsichtig sein, die Situation so genau wie möglich abschätzen und nichts tun, was die unberechenbare Lage verschärfen könnte.

Im Tierreich führt Angst je nachdem zu Flucht, Angriff, Totstellreflex, Sich-Wegducken usw. Panik im Tierreich tritt ein, wenn diese Reaktionen nicht möglich sind (z. B. bei einem Brand nicht weglaufen zu können oder bei Gefahr nicht angreifen zu können, weil zu sehr in die Enge getrieben etc.)

Corona löst in der Bevölkerung verschiedene Ängste aus

  • Angst vor der Infektion, krank, schwerkrank oder gar sterbenskrank zu werden.
    Wir fürchten um die Gesundheit der Eltern, Großeltern, unserer Partner oder Partnerinnen, unserer Kinder oder gar um die Gesundheit um ein noch ungeborenes Kind und dessen werdende Mutter. Je nach den Lebensbedingungen, unter welchen wir leben, kann diese Angst berechtigt, angemessen oder manchmal auch übertrieben sein. Aber ist unsere Gesundheit nicht das höchste Gut, das wir haben? Die Lebensgrundlage überhaupt? Die Angst vor einer Infektion mit Corona ist wirklich gut verständlich. Nur sollte sie nicht so weit führen, dass sie unser Leben mehr einschränkt als nötig. Eine gute Portion Besonnenheit und Vorsicht stärkt unsere Handlungsfähigkeit.
  • Angst vor den Folgen von Corona:
    Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, finanzielle Einbußen. Was hilft gegen diese Angst? Bestimmt gibt es keine einfachen Lösungen. Angst ist ein Gefühl, das mit Argumenten meist nicht erreicht werden kann. Wem die Sicherheit der Lebensumstände besonders wichtig ist, die Planbarkeit der Zukunft (siehe oben), der leidet besonders unter dieser Angst. Was kann da helfen? Der Gegenpart zu dieser Angst ist die Aktivierung der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die Zuversicht, dass man Wege und Lösungen finden wird, dass man nicht allein ist, und vielleicht die Erfahrung, dass man schon öfter schwierige Situationen gemeistert hat. In psychotherapeutischen Behandlungen ist das oft ein wesentlicher Faktor: Selbstsicherheit stärken, eigene Fähigkeiten mehr wahrnehmen und entwickeln und schätzen. Das hilft uns, Rückschläge, Misserfolg, Trennung und Verlust – auch das gehört zum Leben – zu ertragen oder zu überwinden.
  • Angst vor der gesellschaftlichen Entwicklung nach Corona:
    Wo soll das hinführen? Werden nur die großen Firmen überleben und die kleinen verschwinden? Ist die berufliche Existenz von vielen bedroht? Ist die Politik noch – oder wird sie wieder –Herr der Lage? Was wird aus dem gesellschaftlichen Zusammenhalt? Auf diese Fragen hat niemand sichere Antworten. Was wir für die von uns gewünschte Entwicklung beitragen können, das sollten wir auch beitragen.

ILSE ROHR ist niedergelassene Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin aus Neunkirchen/Saar.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Zu jedem 15. des Monats finden Sie in unserem ­mio-Online-Magazin einen aktuellen Beitrag rund ums Thema Gesundheit.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung:

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