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Schwerhörigkeit

Gut hören ist Lebensqualität

Gut hören ist Lebensqualität

Das Gehör ist einer der wichtigsten, vielleicht der wichtigste Sinn überhaupt, den wir haben. Dies ist den meisten Menschen nicht bewusst. Gut zu hören, ist bedeutend für unsere Lebensqualität und unsere Gesundheit: Ein schwaches Gehör kann sogar zu Demenz führen.

Der Hörbereich des menschlichen Ohrs reicht in jungen Jahren von etwa 16 Hertz bis 20 000 Hertz. Dies ermöglicht es, sehr tiefe und sehr hohe Töne zu unterscheiden. Dies geht weit über das Verstehen von Sprache hinaus, die mit rund 500 Hertz bis 4 000 Hertz auskommt. Eine weitere – sehr wichtige – Aufgabe des Hörens ist die Orientierung im Raum, also Schallquellen zu lokalisieren und deren Richtung und Entfernung zu bestimmen.

Wie selbstverständlich können wir in hochkomplexen Kommunikationssituationen, z. B. bei Großveranstaltungen mit Livemusik oder im Restaurant, den gewünschten Gesprächspartner herausfiltern. Dies ist eine Höchstleistung unseres Hörsystems, an deren technischen Nachbildungen sich alle Ingenieure der Hörgerätetechnik noch immer die Zähne ausbeißen. Diese Höchstleistung gelingt Menschen sogar ohne große Anstrengung, so dass wir genügend Arbeitsspeicher unseres Gehirns besitzen, um das Gehörte zu reflektieren und zeitnah auf die Informationen reagieren können. Gut hören und verstehen ist ein wichtiges Stück Lebensqualität.

Umso erstaunlicher ist es zu beobachten, wie leichtsinnig viele sich freiwillig großen Lautstärken von über 90 Dezibel im Beruf und in der Freizeit aussetzen. Etwa ein Drittel aller Lärmarbeiter (über 80 dB während einer Acht-Stunden-Schicht) nutzt die von den Berufsgenossenschaften vorgeschriebenen Lärmschutzmaßnahmen wie Ohrstöpsel oder Gehördämpfer nicht.

Oft ist sehr schwer, die beginnende Schwerhörigkeit zu erkennen.

Wie merkt man, dass man schlechter hört?

Vielen macht es nichts aus, wenn sie nach einem Discobesuch noch ein temporäres Klingeln in den Ohren beschreiben und das Gehör etwas gedämpft ist. „Geht ja wieder vorüber.“ Problematisch wird es dann, wenn es nicht vorübergeht. Dann wird Hören auf einmal anstrengend, da die Deutlichkeit der Sprache abhandenkommt. „Die anderen nuscheln in letzter Zeit so“ oder die Qualität des Fernsehtons wird immer schlechter. Spätestens dann ist es vielleicht angebracht, einen Hörtest beim HNO-Arzt oder Hörakustiker zu machen, um die Ursache für diesen „Hörstress“ nicht immer nur anderen zuzuschieben. Auf viele Überlastungen und Störungen reagiert unser Körper mit Schmerzen. Nicht so beim Gehör. Schlecht hören tut eben nicht weh, deshalb ist es oft sehr schwer, die beginnende Schwerhörigkeit zu erkennen.

Wir gehen von etwa 14 Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Die Auswirkungen einer Hörschädigung sind beträchtlich. So kommt es durch die Höreinschränkung nicht nur zur Überforderung („ich bin abends immer so geschafft“), sondern fast unmerklich beginnt man sein Verhalten zu ändern. „Ich gehe abends nicht mehr gerne zu Veranstaltungen“, Kirmes und große Versammlungen verlieren an Attraktivität. Überhaupt sind Waldspaziergänge und Lesen viel angenehmer. Fachleute sprechen vom sozialen Rückzug, der sich als Reaktion auf die Höranstrengung oder erlebte Kommunikationsbrüche (falsch verstehen) einstellt. Oft sind es zunächst die hohen Töne, die schlechter verstanden werden. Die Vögel werden nicht mehr gehört. Die Kinderstimmen und Frauenstimmen werden immer schwerer verstanden, wegen der hohen Stimmlage

Schwerhörigkeit und Demenz? Gibt es einen Zusammenhang?

Wir wissen heute, dass reduzierte akustische Signalverarbeitung deutliche Auswirkungen auf unsere geistige Leistungsfähigkeit hat. Die sogenannte Baltimore Studie (2018) beschreibt ein neunfaches Demenzrisiko bei nicht versorgtem mittelgradigem Hörverlust. Wenn man also nicht frühzeitig sein Gehör mit Hörhilfen ausgleicht, wird unser Gehirn nicht mehr genügend akustisch beschäftigt. Es verkümmert. Dies ist vergleichbar mit einem fehlenden Muskeltraining, das zum Rückgang der Muskulatur führen kann.

Hören wird vom Kleinkind gelernt und kann bei fehlendem Gebrauch auch verlernt werden. Besonders deutlich merken viele dies beim Fernsehen oder bei Gesprächen in Gruppen mit Störgeräuschen. Sie kapitulieren und ziehen sich zurück.

Ursachen der Schwerhörigkeit

Viele glauben, dass Schwerhörigkeit allein mit dem Altern zu tun hat. Wissenschaftler gehen heute eher davon aus, dass die lebenslange Lärmbelastung die entscheidende Rolle spielt. Auch Stress ist ein wichtiger Faktor, zum Beispiel für Hörstürze. Manchmal gibt es auch eine Häufung von Schwerhörigkeit in der Familie. Hier spielt die genetische Veranlagung dann eine Rolle.

Die Risiken für unser Gehör liegen aber nicht nur in den bekannten Lärmarbeitsplätzen, wie in der Produktion mit Stanzgeräuschen und lauten Maschinen. „Moderne“ Lärmberufe sind Kitas, Grundschulen und Großraumbüros. In diesen Bereichen ist es zwar oft nicht so laut wie in Produktionsbetrieben. Allerdings kommt es hier schon bei mittellauten Geräuschbelastungen zu massiven Begleiterscheinungen, wie Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität und Erschöpfung. Erklärung hierfür ist ein höheres Konzentrationslevel im Großraumbüro, da Dokumente bearbeitet werden müssen, oder Telefongespräche durch Störgeräusche der Nachbarkollegen massiv erschwert werden.

Ein Hörtest beim HNO-Arzt oder beim Hörakustiker hilft dabei, Defizite des Hörens nachzuweisen.

Wie kann man Schwerhörigkeit vorbeugen?

Wir sollten das Bewusstsein für akustische Belastungen in unserem Alltag schärfen. In welcher Umgebung leben, arbeiten und hören wir? Gibt es dort Lärmquellen, die man vermindern oder abstellen kann, z. B. Radio, Lüftung? Wie ist die Raumakustik (Akustikdecke, Teppichboden)? Gibt es vermeidbare Kommunikationshindernisse in Teambesprechungen? Stichwort: Gesprächskultur. „Nur einer darf sprechen.“ „Durcheinandersprechen und Reinreden werden nicht akzeptiert“. Und noch ein Aspekt: Gönnen Sie sich ab und zu Hörpausen.

Wenn Sie einen Verdacht auf eine Schwerhörigkeit haben: Machen Sie einen Hörtest beim HNO-Arzt oder beim Hörakustiker. Wenn der Hörtest Defizite nachweist, ist dies keine Katastrophe, da es für fast alle Formen der Hörschädigung eine Lösung gibt. Selbst bei kompletter Ertaubung gibt es sehr gute Hörrehabilitationen durch ein Cochlear Implantat.

Wie sieht die Therapie aus?

In den meisten Fällen reicht ein modernes Hörgerät aus. Dies sind Hochleistungsgeräte, die z.B. über zahlreiche Filter Störgeräusche zurückdrängen können. Sie hören dann den Gesprächspartner und nicht die Hintergrundmusik. Es gibt auch zahlreiche drahtlose Verbindungsmöglichkeiten über Bluetooth oder Induktion. Mit diesen Tools können Sie telefonieren, ohne den Hörer in die Hand zu nehmen. Oder Sie können sich direkt mit dem Fernseher verbinden und Ihre Lautstärke individuell regeln. So vermeiden Sie Stress mit der Familie, denen der Fernsehton sonst zu laut wäre.

Die neuesten Geräte können sogar mit Musikprogrammen und Übersetzungsprogrammen gekoppelt werden. Sie werden also einen fremdsprachigen Gesprächspartner auf Deutsch verstehen können. Damit ist der Wandel des Hörgerätes von einem Stigma zu einem gefragten Lifestyletool vorprogrammiert. Viele Menschen – auch guthörende – werden in der Zukunft etwas am Ohr tragen. Man wird nicht mehr unterscheiden können, ob gerade ein Telefon, Übersetzungsprogramm oder ein Hörgerät genutzt wird.

Ein Cochlear Implantat verhilft sogar ertaubten Menschen wieder zum Hören.

Besonders faszinierend ist es, dass man heute in der Lage ist, auch Ertaubte wieder zum Hören zu bringen. Ein Cochlear Implantat schafft es, die akustischen Informationen direkt auf die Hörbahn zu übertragen, wenn ein Hörgerät nicht mehr ausreichend verstärken sollte. Für mich ist dies eine der schönsten Aufgaben, die die Medizin heute bieten kann.

Hörversorgung – und zwar frühzeitig – ist das Gebot der Stunde. Hörhilfen sind keine Katastrophe. Sie schmerzen nicht und sind oft auch sehr klein. Eine Katastrophe wäre es eher, wenn man nicht mehr an Diskussionen im beruflichen oder privaten Leben teilnehmen und seine Erfahrungen und Erlebnisse nicht mehr in das Gespräch einbringen kann. Es entstehen Konflikte („Du hörst ja nicht mehr zu“), die zu Enttäuschung, Frust bis zur Depression führen können. Auch das Gespräch mit Kindern und Enkeln ist häufig stark erschwert.

UNSER GEHÖR IST WERTVOLL, DESHALB SOLLTEN WIR ES VOR ÜBERLASTUNG SCHÜTZEN


  • Lärmsituationen sind oft nicht zu vermeiden, dann sollte aber Lärmschutz selbstverständlich sein (Ohrstöpsel, Gehördämpfer).
  • Ein wichtiges Ziel ist „Hörhygiene“: Störgeräusche reduzieren, Musik leiser stellen.
  • Eine neue Gesprächskultur einführen: nacheinander reden und nicht durcheinander.
  • Raumakustik verbessern. Schalldämmende Elemente in Büros, Restaurants, in Therapieräumen usw.

  • Hörpausen einlegen. Permanente Beschallung führt nicht zu Erholung.
  • Hörtraining durch akustisches „Waldbaden“ (bewusst auf alle Naturgeräusche der Umgebung achten) oder durch konzentriertes Musikhören.
  • Hörtest, wenn andere einen auf Hördefizite aufmerksam machen. Selbst merkt man es erst zum Schluss.
  • Hördefizite frühzeitig ausgleichen. Hörhilfen sind kein Stigma, weil kaum noch sichtbar, sondern ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität. Und nicht zuletzt vermindern Hörhilfen das Risiko einer Konzentrationsstörung bis hin zur Demenz.

DR. MED. HARALD SEIDLER ist Chefarzt für HNO in der Mediclin Bosenbergklinik in St. Wendel/Saar.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Zu jedem 15. des Monats finden Sie in unserem ­mio-Online-Magazin einen aktuellen Beitrag rund ums Thema Gesundheit.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung:

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